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Den Wandel gestalten, nicht nur erleiden
Angst eingestehen - und nicht ängstlich sein!

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Erleben wir zur Zeit so etwas wie eine ‚Renaissance der Angst’? Ich meine damit eine angstgeprägte Grundstimmung in unserer Gesellschaft, die sich epidemisch ausbreitet in den Gemütern, in den Schlagzeilen der Medien, in den Hiobsbotschaften der Behörden, in den Debatten am Stammtisch. Und wohl auch in manchen sorgenerfüllten Gesprächen am Familientisch.

Woher stammt diese Angst? Wie lässt sie sich näher begründen und verstehen? Ich vermute vor allem drei Ursachen: Einmal die gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre. Zum anderen die Erschütterung unserer sozialen Sicherungssyteme. Und schliesslich der steigende Gewaltpegel, im Alltag wie in der Politik. Dazu nur einige vertiefende Hinweise: 

Die gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen der letzten drei Jahre verliefen im Zeichen von Krisen: Krise an den Börsen, Krise im Management reputierter Unternehmen, Krisen in der Berufswelt und am Arbeitsmarkt. Was zuvor höchstens von Wirtschaftskritikern und professionellen Schwarzmalern angekündigt wurde, trat mit einem Mal ein, unmissverständlich und im Ausmass brutal. Es geht nun ‚ans Eingemachte’, an die Existenzbasis von Firmen und Familien, an die Perspektiven ganzer Berufsgruppen.

Unsere Vorstellungen von sozialer Sicherheit sind durch die Ereignisse der letzten Jahre arg in Zweifel gezogen. Auf den Geldmärkten hat weltweit eine Destabilisierung stattgefunden, die für Vermögen und Anlagen ungezählter Besitzer (institutioneller wie privater!) nachhaltige Auswirkungen hat. Die Verlässlichkeit unserer Vorsorgesysteme, vorab der AHV und der Pensionskassen, ist nicht mehr in Stein gemeisselt, sondern – um im Bild zu bleiben – eher auf Sand gebaut.

Unsere Einstellung zur Zukunft und zum Wandel der Dinge will also überdacht werden, auch und besonders im ganz persönlichen Bezug: Was heisst es für mich, älter zu werden auf dem Hintergrund so vieler Ungewissheiten? Welches sind die Kräfte, Fähigkeiten und Antriebe, die ich in mir spüre? Auf welche inneren Ressourcen kann ich mich verlassen – was auch immer in meiner Umwelt geschehen mag?

Der steigende Gewaltpegel im sozialen Alltag scheint mit den genannten Entwicklungen ursächlich verknüpft zu sein. Zwischen existenzieller Verunsicherung, diffuser Angst und Gewaltbereitschaft sind Wechselwirkungen erkennbar, die sich gegenseitig verstärken. Dabei spielen im „Angstbudget“ unserer Gesellschaft die Medien eine mitunter fatale Rolle. Sie erzeugen, ähnlich dem Chor im antiken Theater, den Resonanzraum für die kollektive Angst, für die Botschaften der Knappheit, der Verluste und des gnadenlosen Kampfes um die verbleibenden Ressourcen. Die Medien spiegeln Gewalt und drehen damit selbst an den Gewaltspiralen.

Wer sich dieser „Benachrichtigung“ unselektiv aussetzt, gedankenlos, allenfalls auch lüstern nach Unglücksmeldungen, folgt dem Pfad der Angst, verliert seine Unschuld, die Empfänglichkeit für all das, was im Leben erfreulich, schön und berührend sein kann. Wer unter „GAU“ nur den „grössten anzunehmenden Unfall“ erwartet, kann sich der anderen Bedeutung der drei strapazierten Buchstaben, nämlich „gemeinsam Angst umwandeln“, nicht öffnen.

Gemeinsam Angst umwandeln (übrigens vor Jahren ein Losungswort der Frauen-Befreiungsbewegung) kann eine hilfreiche Einladung zu menschlichen Gesprächen, wo auch immer, sein, in denen wir einander nicht mehr anstecken mit dem Virus der Negativität, sondern Mut machen zum Wagnis eigener Lebendigkeit. Dies heisst nicht, die vielfach begründete Angst zu verdrängen, die uns zuweilen in den Knochen sitzt, wohl aber: nicht in Aengstlichkeit zu verfallen. Lebendig bleibt, wer den Spannungsbogen zwischen Angst und Zuversicht aushält und, immer wieder, Zugang findet zu den (wahren) Schätzen des Lebens, die uns im Alltag und oft in den kleinsten Begebenheiten „am Wegrand“ erwarten. 

 

Edmond Tondeur


 

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