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Ab
und zu wird einem gesagt: „Heute ist der erste Tag vom Rest deines
Lebens“. Dies erweckt den Eindruck, es gebe für diesen „Rest“ ein Mass,
etwa durch den Jahrgang und die daraus abzuleitende statistische
Lebenserwartung. Das mag für Versicherungsgesellschaften ein Thema sein,
aber für mich und für Sie? Niemand weiss, wie lange sie oder er noch
leben wird. Die Frage nach dem Lebens-Guthaben ist denn auch gar
nicht quantitativ, sondern qualitativ gemeint. Memento mori,
sagten die Römer und erinnerten einander daran, dass jedes Leben
begrenzt ist, eine „Leihgabe auf Zeit“. Das Bewusstsein dieser Grenze
kann uns dazu anstiften, Prioritäten zu setzen, zwischen Wichtigem und
Unwichtigem zu unterscheiden, wählerischer zu leben, anspruchsvoller,
qualitätsbewusster!
Neulich begegnete ich einem Mann, 55, Unternehmer, erfolgreich – und
dennoch gequält von Fragen, die allesamt darauf hinwiesen, dass er
bislang noch kaum „sein eigenes Leben“ gelebt hat. Vielleicht kennen
auch Sie solche Menschen. Bei näherem Hinschauen zeigt sich, in dieser
und in anderen Begegnungen, ein tiefgreifender Riss zwischen der
inneren und äusseren Karriere, zwischen Schein und Sein, zwischen Arbeit
und Beruf einerseits und der persönlich-privaten Lebensgestaltung
andererseits.
Menschen (Männer wie Frauen!) können in ihren gewachsenen
Lebensstrukturen und –Gewohnheiten so selbstverständlich
„funktionieren“, dass sie über längere Zeit von einem Riss nichts
spüren. Gelegentliche Anwandlungen von Unbehagen, Selbstzweifeln,
emotionaler Leere lassen sich wegstecken, eventuell mit kleinen
„Tröstungen“ zudecken („man gönnt sich ja sonst nichts!“). Doch eines
Tages wird die Lebenskrise manifest, das „Ungelebte“ tritt zu
Tage, der Körper gibt Signale, die nicht länger zu überhören sind, usw.
Jetzt geht es um Standortbestimmung, zum Beispiel mit Antworten
auf die folgenden Fragen:
* In mir regen sich Fähigkeiten und Wünsche, denen ich bisher wenig
Beachtung und Raum geschenkt habe. Kann ich dieses Lebenspotenzial (oder
auch: Lebensguthaben!) mit einigen Sätzen benennen, etwa dahin
gehend, in welchen Situationen und zu welchen Zeitpunkten ich an dieses
„Ungelebte in mir“ erinnert werde?
* Empfinde ich den Wunsch, diesem Lebensguthaben in nächster Zeit eine
Chance zu geben, sich vermehrt kundzutun? Habe ich dazu bereits
konkretere Vorstellungen? Gibt es Menschen, die ich dabei als Verbündete
betrachte? Oder bin ich mit meinen Fantasien allein? Was hindert mich
zur Zeit daran, Schritte zu mir selbst zu realisieren?
* Angenommen, ich könnte mir in nächster Zeit, ganz nach meinem Herzen
und frei von jeder anderen Verpflichtung, einen Wunsch erfüllen: Wie
lautet dieser Wunsch? Und was „macht es mit mir“, dass ich diesen Wunsch
in meiner aktuellen Lebenssituation als (noch) nicht erfüllbar
betrachte?
Wenn ich
solchen Fragen in mir Raum und Resonanz gebe, beginnt etwas zu reifen,
was Antoine de Saint-Exupéry als „Intelligenz des Herzens“
bezeichnet hat. Damit verändert sich die Wahrnehmung des Lebens, des
Lebenswerten. Manches, das mich bisher auf Trab hielt und ausser Atem
brachte, verliert an Dringlichkeit. Zwanghafte Handlungsabläufe lockern
sich, werden gleichsam zu „Spielzügen“, über die ich freier, gelassener
entscheiden kann.
So manches im Leben erblüht (meldet sich gleichsam zurück!), wenn
herzhafte Achtsamkeit den urteilenden Verstand ablöst – wenigstens
ab und zu. Mit Hilde Domin’s Dichterworten: Das Glück ist
kein Flugzeug / hat keinen Fahrplan / keinen Lufthafen. / Ein grosser
Vogel / der einen kleinen / auf seine Fittiche nimmt. / Irgendwo.
Edmond Tondeur
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