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Den Wandel gestalten, nicht nur erleiden
Jeder Schritt wagt den Fall

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Unsicherheit als Lebensprinzip.

Auszüge aus einem Vortrag von
Prof. Dr. Annelie Keil, Universität Bremen
 

Offen sein für das Neue – sich selbst nicht verbieten – dies ist eine Herausforderung, die mit der Geburt beginnt und mit dem letzten Atemzug endet. Veränderung und Kontinuität antwortet auf die schwierige Frage, was denn das „Alte“ sei, von dem aus wir uns für das „Neue“ öffnen – und was von dem Selbst, das wir sind, wir nicht verlieren wollen.

Leben organisiert sich fühlend und denkend gegen die Angst, dass alles Errungene morgen wieder fragwürdig sein kann. Wir ahnen, dass jeder Schritt den Fall wagt. Wer weiss schon, was das „Nächste“ in unserem Leben wirklich sein wird. Der längste Weg ist gleichzeitig räumlich ein kurzer Weg, vom Kopf zum Herzen und wieder zurück. Es ist der Weg zu uns selbst, der die ganze Zeit unseres Lebens beansprucht, ohne dass wir wissen, wie viel Zeit das ist. Manchmal wissen wir nicht, wann wir wirklich aufgebrochen sind, denn mit der Geburt bekamen wir nur die Möglichkeit, uns auf den Weg zu machen. Den Weg suchen und ihn gehen muss dann jeder selbst.

Leben ist vom ersten Augenblick an ein Weg durch die Fremde. Begegnung mit dem Fremden schlechthin, immer wieder ein Schritt in die Ungewissheit, die uns zeitlich begleitet. Leben ist die Entscheidung, auf etwas zuzugehen, es zu ergreifen, ohne zu wissen, was daraus wird.

Leben, das ist der nächste kleine Schritt, den wir wagen müssen, um das bisher noch Fremde zum Vertrauten zu machen.

Leben ist eine ständige Pro-Vokation, sich dem zu stellen, was uns zeitlich und räumlich vor die Füsse oder in die Hände fällt. Insofern gestaltet sich unser Leben als Zu-Fall, den wir annehmen und gestalten müssen – um zu erkennen, wer wir sind.

Leben ist die Inszenierung von Zeit im Angesicht der Ungewissheit; die Bearbeitung von dem, was uns aus einem unbekannten zeitlichen Kontinuum zufällt. Unsere Eltern sind ein solcher Zu-Fall. Das Jahrhundert, die soziale Situation und Kultur, in die wir hineingeboren wurden, sind es ebenfalls – das Material für die Inszenierung unseres Lebens. Leben besteht aus einer Aneinanderreihung von Zufällen, die wir gestaltend und uns auseinander setzend mit Sinn versehen müssen.

Die Bühne, auf der wir uns inszenieren, ist das Leben selbst. Die existenzielle Notwendigkeit, unsere Grenzen zu überschreiten, erzwingt ein Unterwegssein, die ständige Begegnung mit dem Fremden. In der uns verfügbaren Zeit wagen wir Lebensbewegungen, Schritte, und jeder Schritt wagt den Fall, birgt die Gefahr, dass wir scheitern.

Wenn wir unserem Leben keine Zeit geben, mischt es sich selbst ein, mit Symptomen, Süchten, Sehnsüchten, Verweigerungen, Defekten. Mit grossen Erklärungen beenden wir Beziehungen, denen wir nicht einmal die Zeit zur Entwicklung gegönnt haben. Die Zeit rinnt uns durch die Finger und ruft auf allen Ebenen Alarmbereitschaft hervor. Seelisch empfinden  wir dies als Angst, „nie genug Zeit zu haben“. Nur nicht zu sich selbst kommen, das scheint unsere Art zu sein, dem Leben keine Zeit zu geben.

Wird Zeit, dass wir leben. Das heisst auch: dass wir Zeit erleben. Dies wiederum heisst: Unberechenbares ohne Angst zu akzeptieren, nicht allem vorausgreifen, auf wirklich Erlebtes zurückgreifen, das Gewesene erhalten und das Unmögliche zulassen, dem Augenblick Bedeutung geben.

 

Auszüge durch: Edmond Tondeur

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